U2 – No Line On The Horizon : Albumreview
25. März 2009 von Vrankey
Seit 27. Februar steht das langerwartete neue Album der Iren Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. bei uns in den Regalen – Zeit für ein Review des Werkes.

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Es gab ja im Vorfeld einige interessante Ankündigungen. So war von einem experimentellen Album und Einflüssen der Sorte “Achtung Baby” die Rede. Die rockige, groovende Vorab-Single “Get On Your Boots” war ja schon spätestens seit dem Auftritt der Band bei der Echo-Verleihung hierzulande in den Medien präsent, ließ jedoch noch keine großen Neuerungen erahnen. Aber gehen wir einfach mal Track by Track durch:
Der Opener und Titeltrack No Line On The Horizon klingt dezent-rockend, mit ein paar kleineren Soundspielereien versehen. Die Atmosphäre des Songs läßt sich als “schwebend” und geheimnisvoll bezeichnen und passt damit zu dem Cover des Albums. Ein toller Song mit einer leichten Steigerung, daher als einleitender Track gut geeignet, wächst auch mit jedem Durchgang.
Danach geht es weiter mit dem ausladenden Intro von Magnificent, der zweiten Single. Diese klingt leicht experimentell und ist mit subtilen Synthies versehen, die an das verzerrte Piano-Thema aus “New Year’s Day” erinnern und das atmosphärische Bild aus dem ersten Song verfestigen. Nach dem Intro startet ein schön klassischer, E-Gitarren-basierter U2-Track, der ebenfalls mit ein paar Spielereien im Detail aufwartet. Insgesamt ist der Song vielleicht nicht unbedingt als Single geeignet, da als Ohrwurm nicht allzu “catchy”, kann aber nichtsdestotrotz begeistern! Hut ab!
Als Track 3 folgt der 7-Minüter Moment of Surrender, der etwas das Tempo rausnimmt. Er ist mit E-Gitarren, Orgel, Synthies und Piano zwar prinzipiell opulent instrumentiert, das ganze ist jedoch so gekonnt arrangiert und produziert, dass der dezente, ruhige Charakter nicht verloren geht. Hier haben die Produzenten große Arbeit geleistet. Gegen Ende darf The Edge noch ein grandioses Slidegitarrensolo zum Besten geben – ein großartiger Moment des Albums!
Mit Unknown Caller bleibt es ruhig, hier dominieren nun die U2-typischen E-Gitarren. In diesem Song kann The Edge zeigen was er drauf hat: neben einem grandios gespielten Solo trägt er auch Backing-Vocals bei, die den Gesang schön abrunden. Die Komposition ist solide, aber leider nicht allzu mitreißend, auch aufgrund zu vieler Bono-typischer ‘Oh-oh-oh-oooh’s. Von einem “Ausfall” würde ich jedoch keinesfalls sprechen.
Anschließend kommt mit I’ll Go Crazy If I Don’t Go Crazy Tonight der vielleicht single-tauglichste Track des Albums. Ein schönes, ruhiges Liedchen, das subtil ins Ohr geht und von The Edges dezentem E-Gitarrenspiel sowie kleinen Pianoparts getragen wird. Ich frage mich nur, was im Studio passiert ist, als Bono am Anfang die Titelzeile singen musste …. klingt so, als hätte er sich auf ne Hand voll Reißzwecke gesetzt. Ein unnötiger Ausflug ins Reich der höheren Töne, aber ansonsten: sehr, sehr schöner Song, könnte so auch auf “The Joshua Tree” enthalten sein und hat das Zeug zum Klassiker!
Die bereits bekannte Single Get On Your Boots ist neben “Breathe” der “rotzigste” Song des Albums. Er geht schnell ins Ohr und setzt ein bißchen auf die Vertigo-Schiene auf, die ja beim Vorgängerwerk blendend funktioniert hat. Einzig der drumbetonte Mittelteil (“Let me in the sound…”) läßt Neuerungen im Ansatz vermuten, wenn man will.
Letztlich ist der Track im qualitativen Mittelfeld des Albums anzusiedeln.
Das nachfolgende Stand Up Comedy geht ähnlich, dezenter rockend weiter. Das zugrunde liegende Riff, das den Song auch wesentlich trägt, hat jedoch viel mehr Klasse. Könnte ebenfalls gut als Single funktionieren.
Weiter geht es mit dem Song Fez – Being Born, der in der Intensität seiner Wirkung sicher einen atmosphärischen Höhepunkt des Albums darstellt. Die marokkanischen Einflüsse sind in diesem ruhigen, aber dennoch groovenden Track deutlich zu hören. Wieder verstärkt ein Blick auf das Albumcover die vermittelte Atmosphäre: vermutlich würden die Songs an einem frühen, stark vernebelten Sommermorgen am Meer, unmittelbar nach Beginn des Sonnenaufgangs, am besten wirken!
Danach folgt mit White As Snow die bisher ruhigste Komposition, die von der Stimmung her fast ein bißchen wie ein leiser Moment von The Coral klingt. Im Wesentlichen wird der Song dabei von einer ruhigen, cleanen E-Gitarren-Stimme und Bonos subtilem Gesang getragen, der Refrain wirkt sehr, sehr unaufdringlich. Hier sieht man U2 von ihrer reiferen Seite, der Song zählt definitiv zu den besseren Momenten auf dem Album.
Die Strophen von Breathe würden fast wie ein neuerer Track von Oasis klingen, wie bspw. “Ain’t Got Nothin’” vom letzten Album “Dig Out Your Soul”, wäre da nicht Bonos Redeschwall. Der Refrain klingt relativ unspektakulär, der ganze Track im Vergleich zum Rest des Albums eher erdig. Insgesamt ein eher mittelmäßiger Song des Albums.
Abgeschlossen wird das Album mit Cedars Of Lebanon, einem wieder ruhigen Track. Man könnte fast sagen, dies ist der große Bruder von “White As Snow”. Der Refrain, speziell die Vocals, wecken wieder die Assoziation mit The Coral. Eigentlich der reifeste Track, den ich von U2 bisher kenne, und ein perfekter Schlußpunkt für ein insgesamt gelungenes Album.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Ankündigungen der neuen Experimente wieder größer waren als diese selbst. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Experimente nicht so aufgesetzt klingen wie zeitweise in der Vergangenheit, sondern subtil durchschimmernd und perfekt in klassischen U2-Stil integriert wurden. Hier ist den Produzenten ein großes Lob zu zollen – speziell Brian Eno (u.a. David Bowie: “Low”, Coldplay: “Viva La Vida or Death And All His Friends”, U2: “Achtung Baby”), den ich für den besten Produzenten der Welt halte.
Zudem sind keinerlei Ausfälle zu verzeichnen, auch wenn ich nicht jeden Track bedingungslos als richtig gut bezeichnen würde. Das Prädikat “sehr gut” würden von mir “Cedars Of Lebanon”, “I’ll Go Crazy If I Don’t Go Crazy Tonight”, “No Line On The Horizon” und “Magnificent” bekommen. Mindestens gut finde ich noch “Moment of Surrender”, “White As Snow”, “Fez – Being Born” und “Stand Up Comedy”. “Unknown Caller”, “Get On Your Boots” und “Breathe” finde ich gerade noch solide bis mäßig gut und fallen damit etwas vom Rest ab.
Auf jeden Fall kann ich sagen: das sind die besten U2 des bisherigen, neuen Jahrtausends – das Album sollte der Band unbedingt als Ansatzpunkt für nachfolgende Werke dienen.
Super