Oktober ’09: Editors – In This Light And On This Evening
16. Oktober 2009 von Vrankey
Lange angekündigt, ist es nun endlich da: das dritte Werk “In This Light And On This Evening” der Editors, mit dem die Combo aus Birmingham neue Wege mit elektronischen Einflüßen beschreitet.
Die beiden Erstlinge “The Back Room” und “An End Has A Start” waren noch stark an klassischen Rock-Elementen wie E-Gitarre, Orgel, echtem Schlagzeug und Bass orientiert, oft wurde die Band sogar als britische Variante von Interpol bezeichnet. Nur aufgrund der tanzbaren Drum- und Rhythmenmuster sowie Orgelteppiche wurden höchstens noch Parallelen zu The Killers gezogen, die im Sound bereits mit weit mehr Elektronik arbeiteten. Doch selbst The Killers werden auf “In This Light And On This Evening”, was den Einsatz von elektronischen Elementen angeht, von den Editors übertroffen – überzeugt euch selbst beim Reinhören:
Aber erst mal Track by Track:
Der Opener und Titeltrack In This Light And On This Evening beginnt gleich mit einem direkten, elektronischen und tiefen Einstieg, der vom einsetzenden Leadgesang noch düster untermalt wird. Erst das Piano gibt auch höheren Klängen Raum. Der Song steigert sich bis zum Ende unter immer massiverem Synthie-Einsatz, bis er in einem rotzigen und harten Drum- und E-Gitarren-Inferno, angereicht um opulente, aber gezielt platzierte orchestrale Elemente und Orgelteppiche, explodiert und ausklingt. Ein klares wie beeindruckendes Zeichen schon zu Beginn, wo es hingeht!
Track #2, Bricks And Mortar beginnt entspannter, wenn auch nicht konservativer. Wie selbstverständlich, als hätten die Editors nie etwas anderes gemacht, läuten Synthie-Pops und diverse Synthie-Sounds einen Song ein, dessen Grundgerüst so auch von Depeche Mode stammen könnte. Interessanterweise klingen die Komposition und gerade der Gesang trotzdem klassisch nach älteren Werken, aber erstmals werden die gesangliche Parallelen zu Dave Gahan deutlich. Der Refrain lässt aus dem Song endgültig eine Hymne werden – die Backings sind hier auch sehr geschickt platziert. Das auf den Refrain folgende Intro vor der 2. Strophe und ebendiese sind ein Beleg für den ungemeinen Spaß sowie die Experimentier- und Spielfreude, welche die Editors bei der Produktion des Werkes gehabt haben müssen. Ganz, ganz groß!
Die anschließende Single Papillon ist ja schon vorab bekannt. Was soll ich daher dazu noch groß schreiben? Nur eins: das ist der geilste Depeche-Mode-Song seit 1988. Mindestens. Selber hören. Fertig. “It kicks like a sleep twitch!”
Auf Platz 4 der Tracklist steht You Don’t Know Love. Dieser drosselt nach dem schnellen und (erwähnte ich es bereits?) genialen Vorgängertrack etwas das Tempo. Und ich bin froh, dass es auf meinem Blog keine virtuelle Depeche-Mode-Vergleichs-Sau gibt, in die man einzahlen muss, sonst würde ich heute abend wohl arm werden. Aber dieser Song klingt vom Sound her wie eine perfekte Symbiose aus ruhigen Depeche-Mode-Tracks aus den späten 80ern sowie klassischen Editors-Balladen. Gen Ende erinnert mich eine Melodieführung an Mike Oldfield. Ein genialer Track, sicherlich auch ne gute mögliche Single.
The Big Exit ist ein düsterer, elektrolastiger Track mit einer verstörenden Stimmung, hat ein bißchen was von der Atmosphäre auf “Some Great Reward”. Tom Smith singt mit einer apathisch-verzweifelten Stimme. Der Refrain klingt etwas wärmer, Smith erreicht hier auch Höhen, in die er stimmlich bisher nicht vorgedrungen ist. Insgesamt ist “The Big Exit” definitiv von der anspruchsvolleren Sorte, ein Track zum Reinhören – mit viel Potenzial!
Das nachfolgende The Boxer beginnt mit dezenten Elektroklängen, die einen in die früheren 80er Jahre zurückversetzt fühlen lassen. Unweigerlich muß man an Vangelis und sehr frühe – oh Wunder
– Depeche-Mode-Werke denken. Der Song ist auch der ruhigste bisher, auf Drums wird nahezu völlig verzichtet. Nach dem flotten Start des Albums wurden Track by Track Tempo und Lautstärke rausgenommen, so dass “The Boxer” definitiv so etwas wie den “leisen Höhepunkt” auf “In This Light And On This Evening” darstellt.
An siebter Stelle der Tracklist findet sich Like Treasure, das wieder etwas lauter, aber immer noch sehr getragen wirkt. Die Atmosphäre des Songs hat etwas von The Cure, wozu viel Hall auf den Instrumenten und eine laute Basslinie beitragen. Die inzwischen schon gewohnten Synthies stehen hier nicht so stark im Vordergrund wie sonst, setzen aber markante Punkte.
Das verspulte Eat Raw Meet = Blood Drool erhöht die Lautstärke nochmal etwas. Hier wird wieder die neue Experimentierfreude der Editors sichtbar, auch in der Struktur – ein sehr sperriger Track, einzig der Refrain findet direkt Zugang! Aber wie vieles auf dem Album, offenbart auch dieser Track ein hohes Wachstumspotential. Der Piano-Part nach dem Refrain ist zudem wirklich perfekt platziert. Somit bleibt zu dem Track erstmal das Fazit zu ziehen, dass es sich hier um einen Glanzpunkt des Albums handelt, der seine Qualität aber erst nach und nach entfaltet!
“In This Light And On This Evening” schließt mit Walk The Fleet Road, das nach vielen verstörten Experimenten fast etwas beruhigend zu wirken versucht. Gospelartige “Hmmmmm”-Chöre
, ein klassischer, sphärischer Editors-Keyboardteppich als Fundament, dezente Drums und angedeutete Synthiespielereien, die sich nach und nach gemächlich steigern, setzen (vorerst) einen hymnischen Schlußpunkt unter ein gelungenes Album.

Editors-Sänger und -Gitarrist Tom Smith
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Wer nun noch nicht genug hat, für den bietet die Special Editions von “In This Light And On This Evening” noch eine Bonus Disc namens “Cuttings II” mit fünf weiteren Tracks, welche die anspruchsvolle Richtung des Albums noch weiter vertiefen. Hier ein kurzer Überblick über die einzelnen Stücke:
This House Is Full Of Noise – anfangs sehr piano- und orgelllastiger Track, der plötzlich in rotzigen Gitarrensounds explodiert. Düster, unkonventionell, über 6 Minuten lang – und gut!!
I Want A Forrest – ist aus einem Preview bekannt. Ruhige Strophen, synthie- und gitarrenlastige “Refrains” – könnte repräsentativ für das Album sein!
A Life As A Ghost – ein unglaublich reicher Sound aus verechoten Drumloops, Synthieschwaden und Drumloops, insgesamt sehr undurchsichtig, aber nicht minder toll!
Human – or are we dancer?
Nein, kein Killers-Cover. Sehr ruhiger Track, bestehenden aus vielen verschiedenen Vangelis-Synthie- und schwebenden, klirrenden, cleanen Gitarren-Sounds. Weniger spektakulär als die Vorgänger, wächst aber.
For The Money – dauert knapp 6 Minuten und bietet einen Querschnitt über das ganze Album, gepaart mit einer fantastischen Spielfreude in den Drum- und Perkussionspuren. Unglaublich wie der Sound in letzteren über die ganze Trackdauer hinweg mit immer neuen Spielereien – teilweise fühlt man sich in antike Schaukämpfe zurückversetzt – aufgeblasen wird, bis er zum Schluss zu explodieren droht!!
Im Ernst, das wäre der bessere Closer des “Hauptalbums” gewesen, den Song hätte man mit “Walk The Fleet Road” tauschen sollen (zumal er Chorgesänge in ähnlichem Stil enthält). Ein wirklich spektakulärer Moment, der auch die schräge Steigerung des vorletzten Albumtracks weiterverfolgen und zum Höhepunkt bringen würde, ohne die nötigen sphärischen Momente, die der Schlußpunkt dieses Albums haben MUSS, vermissen zu lassen.
Bei aller Düsterheit lassen die Editors auf “For The Money” übrigens zum Schluß auch den Humor nicht zu kurz kommen: nach der “Explosion der Drumspur” (s.o.) zum Schluß einfach nochmal auf’s Schlagzeug-Becken zu hauen und sich drüber zu beömmeln, zeugt von einer gewissen, nennen wir’s mal Lockerheit.
Fazit insgesamt: ein gelungenes Album, das aber gewiss viele Old-School-Fans verschrecken wird. Ob es besser ist als das Debüt? Im Moment schwer zu sagen. “The Back Room” bietet ausnahmslos eingängige Hits mit wenig überraschenden Strukturen und Melodien, die sofort im Ohr bleiben. “In This Light And On This Evening” ist dazu eine Art Gegenentwurf, und auch vom Sound her ein mutiger Schritt in eine völlig neue Richtung. Insofern ist ein Vergleich im Moment schwer, bleibt doch abzuwarten, in welchem Maße die Songs des neuen Werkes noch wachsen werden.
Auf jeden Fall ist “In This Light And On This Evening” eine mehr als lohnenswerte Anschaffung für viele kurzweilige Momente und definitiv ein spannendes Stück Musik. Ich kann auch nur den Kauf der Special Edition empfehlen: “Cuttings II” bietet fünf Songs, die den neun Tracks des Hauptalbums in nichts nachstehen. Im Gegenteil: “For The Money” kann prinzipiell sogar als Höhepunkt des Werkes angesehen werden.
Weiter so, Editors – da kann man gespannt sein auf weitere Werke!
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