November ‘09: Them Crooked Vultures
14. November 2009 von Vrankey
Das Album des Monats November 2009 ist das Debütalbum der Rock-Supergroup “Them Crooked Vultures”, das auch den Bandnamen als Titel trägt. Anfang Juli war die Kollaboration von Dave Grohl (Nirvana, Foo Fighters), Josh Homme (Kyuss, Queens Of The Stone Age) und John Paul Jones (Led Zeppelin) angekündigt worden (siehe Dave Grohl, John Paul Jones + Josh Homme – neues Projekt!), über die Spinnerette-Frontfrau Brody Dalle schon damals sagte, die neue Band spiele “Beats und Sounds, wie man sie noch nie gehört hat”. Im September erst wurde der Bandname offiziell verkündet (siehe Them Crooked Vultures – Supergroup Grohl/Homme/Jones) – und nun ist das Album am gestrigen Freitag erschienen. So schnell kann’s gehen – hier kann man sich von den Songs überzeugen lassen:
Hält das Album, was die Besetzung verspricht? Dazu und zu den einzelnen Tracks im Detail folgendes:
“Them Crooked Vultures” wird mit dem Midtempo-Track No One Loves Me & Neither Do I eröffnet. Früh wird klar, Josh Hommes Stimme drückt dem Ganzen seinen unverwechselbaren Stempel auf. Seine Gitarrenarbeit klingt etwas anders als bei Queens Of The Stone Ages gewohnt. Gleicher Druck, aber viel Hall, der den Sound etwas entschärft. Grohls Drums kommen dezenter, aber nicht minder genial rüber als von seinen Hauptprojekten gewohnt. Und auch die Bassarbeit von Jones fügt sich wunderbar ins Gesamtbild – man merkt sofort, hier sind ganz große Musiker an ihren Instrumenten am Werk.
Mitten im Track legt plötzlich die Gitarre lauter los – und im Outro später erhöhen auch die Drums das Tempo. Grohl geht richtig ab, doch da ist der Track leider schon zu Ende.
Mind Eraser, No Chaser war ja schon vorab zum Download angeboten worden. Dieser Song zieht von Anfang an ein höheres Tempo. Ein singletauglicher, wenn auch etwas sperriger Track mit deutlicherer QOTSA-Schlagseite. Dave Grohl unterstützt hier gesanglich im Refrain, was dem Track nochmal eine ganz besondere Note gibt. Grandios sind die experimentellen Bass-Licks von Jones in der Mitte sowie dessen Soundspielereien an Keyboard bzw. Keytar. Den Song nur mit Bläsern ausklingen zu lassen, kommt äußerst schräg, was aber perfekt passt.
Auch die Single New Fang ist ja bereits bekannt. Im Prinzip ein Bruder von “Mind Eraser, No Chaser”, aber etwas langsamer und deutlich eingängiger. Super sind hier Hommes akustische Slide-Licks im Refrain und Interlude (welches sowieso ein einziger Ohrenschmaus für Gitarristen ist). Grohl liefert hier perfekte Drumarrangements und variiert wie ein Irrer, ohne irgendwas deplatziert wirken zu lassen. Unglaublich.
Das quietschende, schräge Ende erinnert mich fast etwas an Jack White.
Dead End Friends ist ein richtiges Brett. Hommes Gitarren atmen hier wieder Hall, im Gesang nimmt er sich etwas zurück – aber die Riffs sind Rock vom Feinsten.
Später legt er noch sehr schöne Solo-Parts hin. Grohl hält sich an den Drums mit den Variationen etwas zurück und liefert die perfekte Unterstützung. Zum Outro hin haut aber dann doch noch ein paar andere (sich perfekt einfügende) Muster hin, die seine Liebe zum Detail abermals zeigen.
Richtig schräg beginnt auch der nachfolgende Track Elephants, der unerwartet das Tempo richtig anzieht und fast wie ein Punksong klingt. Als das Tempo wieder rausgenommen wird, merkt man den Druck, den John Paul Jones am Bass erzeugt. Um 1:30 fängt Homme dann schließlich an zu schleppendem Tempo zu singen – als man das Gefühl hat, bereits einen grandiosen Instrumentaltrack hinter sich zu haben. Später wird es richtig atmosphärisch, und man stellt abermals fest, wie gut die drei zusammen harmonieren. Und das nach so kurzer Zeit, das ist mir fast schon unheimlich.
Einen der Top-Höhepunkte des Albums stellt Scumbag Blues dar. Hier lässt wirklich Jimi Hendrix grüßen, nicht zuletzt durch geniale Gitarrenlicks, -riffs und -soli. Alle drei Instrumentalisten zeigen Höchstleistungen, und Homme singt zur Abwechslung mal hoch, was sich perfekt einfügt. Schließlich packt Jones auch wieder seine Keytar aus, und man fühlt sich ins Jahr 1979 zurückversetzt, als Jones mit seines Arrangements das Led-Zeppelin-Album “In Through The Out Door” entscheidend prägte. Hier wird wirklich Rock-Historie mit Rock-Historie mit Rock-Historie kombiniert!
Bandoliers beginnt gemächlicher und mit einem Riff, das fast etwas einfallslos wirkt. Drumherum wird aber ein toller Track aufgebaut. Wieder mal weiß man nicht, auf was man sich konzentrieren soll – auf Hommes diesmal ruhigen Gesang, seine Riffs, seine Soli, den atmenden Bass von Jones oder die (wie bereits mehrfach erwähnt) detailverliebt ausgearbeiteten Drumspuren von Schlagzeug-Legende Dave Grohl.
Bridge und Refrain sind übrigens absolut Weltklasse – kurioserweise ohne irgendwie im Ohr zu bleiben. Den Song kann man vermutlich 1000 mal anhören, er wird sich nie abnutzen.
Reptiles ist vielleicht das schrägste Stück Blues das ich je gehört habe. Die Instrumentalspuren sind äußert sperrig und intelligent eingespielt. Immer wieder schafft Homme es, mit zusätzlichen Gitarrenstimmen bei Breaks, z.B. zum Refrain, tolle Effekte zu erzielen, wobei er von Jones’ Keyboard-Arbeit unterstützt wird. Hommes schafft es übrigens tatsächlich irgendwie, einen eigenen Gesangstil für Them Crooked Vultures zu entwickeln, der sich doch von dem bei seiner Hauptband unterscheidet.
Ein Highlight ist hier übrigens auch Jones’ Bassarbeit gen Ende. Wie die Basslinie hier ausgearbeitet wird, ist phänomenal.
Interlude With Ludes ist das kurioseste Stück des Albums. Wie sagte Brody Dalle? “Beats und Sounds, wie man sie noch nie gehört hat”. Damit hat sie bestimmt auch diesen Song hier gemeint! Am ehesten ist dessen sphärisches, kurioses Klangbild mit experimentellen Stücken von Blurs Alben “Blur” und “13″ zu vergleichen. (Vermutlich) Grohls “Backing-Vocals” bringen hier auch eine gewisse Prise Humor mit sich. Muß man anhören, kann man wirklich schwer beschreiben.
Warsaw or The First Breath You Take After You Give Up stampft anfangs im Triolenrhythmus und hat dabei einen ungemeinen Groove. In den Strophen eher minimalistisch arrangiert – und übrigens von Jones in den Backing Vocals unterstützt – entwickelt im Gegensatz dazu plötzlich der Refrain des Songs eine unglaubliche Breite, vor allem wenn man bedenkt, dass hier eigentlich nur drei Leute am Werk sind. Auch dieser Song ist extrem gut und extrem intelligent produziert. Hommes zahlreiche Gitarrenschnipsel offenbaren auch eine Genialität, die man von ihm bei Queens Of The Stone Age so noch nicht kannte.
Zur Mitte hin entwickelt sich ein langer Instrumentalpart, der das Tempo kontinuierlich anzieht, die Spannung des Tracks erhöht und in verschwurbelten Arrangements gipfelt. Schließlich greifen Them Crooked Vultures in einem kurzen Outro das “Ursprungsriff” wieder auf, wodurch sich die Spannung nach Minuten entlädt – und ein knapp achtminütiges, großes Stück Alternative Rock zu Ende geht.
Caligulove wird von fantastischen(!) Drum-Mustern Dave Grohls, rotzenden Gitarren und Keyboardspielereien Jones’ getragen. Die Stimmung ist insgesamt wieder recht düster, was in Verbindung mit den Vocals stark an Queens Of The Stone Age erinnert. Doch die Keyboard-Soli von Jones lassen einen dann plötzlich wieder meinen, man höre “In Through The Out Door”. Und am Ende trommelt sich Grohl die Seele aus dem Leib, wodurch eine unglaublich dichte Soundmauer entsteht. Schließlich endet der Song mit einem Keyboard-Arrangement von Jones, das ohrenscheinlich wohl nicht ganz ernst gemeint war
– aber trotzdem ziemlich cool klingt.
Das anschließende Gunman ist der “Disco-Track” des Albums, wozu ein blubberndes Basisriff und simple, stampfende Beats beitragen. Im wirklich krassen(!) Kontrast dazu steht der psychedelische, fast schon unheimliche Refrain in bester “Queens Of The Stone Age”-Manier. Dabei ist der Track richtig eingängig, ein echter Ohrwurm. Und vielleicht die schrägste mir bekannte Interpretation von Disco-Rock.
Alles in allem aber ohne Zweifel: genial!!
Das Album endet mit dem fast siebeneinhalb-minütigen Spinning In Daffodils, auf dem sich Them Crooked Vultures von ihrer hymnischsten Seite zeigen. Zwar bleibt es nicht die ganze Zeit so pianolastig wie im Intro (auch hierfür wieder größen Respekt für John Paul Jones), aber gegen Ende entfalten sich wirklich tolle Harmonien. Auf dem Weg dahin wird natürlich wieder superb gerockt, und Them Crooked Vultures deuten die Breite ihres Könnens und Schaffens dabei zum Finale nochmal mehr als an. Der Song klingt dann fast mit leisen Tönen aus, zu welchen aber jeder der drei Musiker nochmal zeigt, was er auf dem Kasten hat. Grandios!
Um zur Eingangsfrage zurückzukommen: “Hält das Album, was die Besetzung verspricht?” Und um darauf eine Antwort zu geben: “OH JA!” Meine Vorfreude auf das Album war allein von der Größe der Namen her ja schon enorm, wie man an den zeitweise täglichen Newsmeldungen gemerkt haben dürfte, die ich hier dazu veröffentlichte.
Ich muß aber ehrlich sagen, meine Erwartungen wurden noch übertroffen.
Ich dachte mir zu den Statements über “noch nie dagewesenen Beats” etc.: was soll die Band schon groß anders machen als erwartet? Das sind drei gestandene Rockgrößen, die ihre Instrumente beherrschen, das wird ein großes Stück Classic & Alternative Rock werden etc. – aber letztlich fallen mir nun keine wirklich treffenden Vergleiche ein, was den Gesamtspirit des Albums betrifft. Natürlich habe ich hier und dort rausgehört: das klingt da nach QOTSA, da nach Led Zeppelin, dort nach typischen Drummuster, wie man sie nur von Grohl erwarten kann. Aber alles in allem ist das was eigenes, wozu auch die Keyboardarbeit von John Paul Jones einen großen Teil beisteuert. Ich muß zugeben, diese hatte ich im Vorhinein völlig unterschätzt. Was er hier an Experimenten hineinbringt ist wirklich super – und dabei stehen die Keyboards nie im Vordergrund, sind nie kitschig, sondern bewahren den urrohen Rock-Grundsound des Albums in vollem Umfang.
Them Crooked Vultures sind die Sensation des Alternative Rock im Jahre 2009, das steht für mich fest. Das Album sollte sich jeder Rock-Fan mal anhören – und nicht nur einmal. Das Album wächst ungemein, vieles ist sehr sperrig – aber mit einem wirklich grandiosen Kern.
Tags: Dave Grohl, John Paul Jones, Josh Homme, Them Crooked Vultures
Wow. Großartige Lobeshyme. Im Ernst: Ganz toller Artikel!!
Bin gespannt (hatte noch keine Zeit es anzuhören).
Schaust Du sie Dir dann auch “wenigstens” live an?
Ich meine, nach dem was Du schreibst, isses n Pflichttermin…
06.12. im Zenith in Mücnhen…
Danke. Ja, von dem Konzerttermin weiß ich schon.
Kann aber noch nicht sicher sagen ob das klappt.
Ein “Pflichttermin” wär’s aber durchaus, wer weiß ob man die drei irgendwann nochmal zusammen in München sieht….