Nimmt uns Chris auf’s Corn(ell)?
29. März 2009 von Vrankey
Bevor ich’s vergesse (wobei: warum eigentlich nicht? wäre besser): Ein kurzer Zer…äh Abriss des dritten Solo-Werkes von Grunge-Legende Chris Cornell, der mit Soundgarden den legendären Seattle-Sound populär machte, als Kurt Cobain vermutlich noch Gitarre spielen lernte (oder dies versuchte). Auch als Frontman von Audioslave hatte er bereits drei tolle Alben hingelegt.
Sein ruhiges, erstes Solo-Album “Euphoria Morning” hatte er in der Zeit zwischen Soundgarden und Audioslave veröffentlicht – ein durchweg tolles Werk, das ich jedem empfehlen kann – “Follow My Way” und “Preaching The End Of The World” zählen zu seinen besten und unterschätztesten Songs. Album Nummer 2, “Carry On”, ist noch gar nicht so lange er. Insgesamt mit ein paar Längen beinhaltete dies doch zumindest den fantastischen Casino-Royale-Titeltrack “You Know My Name” und eine respektable Akustik-Coverversion von Michael Jackson’s “Billie Jean”.
Auf dem Cover seiner jüngsten Veröffentlichung “Scream” ist nun Chris Cornell zu sehen, wie er eine E-Gitarre zertrümmert. Es darf die Frage gestellt werden, ob dieses Foto vor oder nach den Aufnahmen gemacht wurde. Vorher? Nein, es sind ja Gitarren drauf zu hören, entgegen anderslautender Rezensionen. Nachher? Wäre verständlich. Aber an den Gitarren hat es eigentlich nicht gelegen, auch wenn diese definitiv zu glatt produziert und in den Hintergrund gestellt wurden. Aber da kann die Gitarre eigentlich nichts dafür. Wie heißt es so schön? Es tötet nicht die Waffe, sondern der Mensch am Abzug.
Angekündigt war das ganze von Timbaland (bekannt durch “Äh”, “Oh”, “Äh-oh”) produzierte Werk ja mit Parallelen zu Pink Floyd’s The Wall. Tatsache ist: die Übergänge zwischen den Tracks erinnern teilweise wirklich daran. Das Ende des einen Songs ist oft der Anfang des nächsten, atmosphärisch sehe ich auch Parallelen. Von einem Konzeptalbum kann man sicher zwar nicht sprechen, aber das ist nett geworden. Das war’s aber irgendwie schon fast mit den positiven Aspekten…
Ich erspare es mir das ganze nochmal Track by Track durchzugehen. Ich habe dem Album mehr als genug Chancen gegeben. Ungerechtfertigt viele – das nur, weil Chris Cornell (eigentlich) zu meinen All-Time-Favourite-Artists zählt. Nur so viel:
Das Gequäke im Opener “Part Of Me” ist unerträglich. Schon das Intro mit der großspurigen Ankündigung des bekennenden Disco-Verweigerers Chris Cornell ist peinlich. Aber das beliebige Geknarze, das einen an noch mehr Beliebigkeit kaum zu überbietenden Refrain ankündigt, ist kaum auszuhalten. Als ich diese “Aufnahme” das erste Mal hören “durfte”, war ich vor Schreck wie gelähmt – wieviel Geld kann man als so großer Künstler für einen Song bekommen, wenn man sich zu so was hinreissen läßt? “No, that ***** ain’t a part of me” – wie das wohl gemeint ist…
Es folgen insgesamt großteils etwas weniger schlimme, trotzdem noch gruselige Tracks, von denen höchstens oben erwähnte Übergänge zumindest im Ansatz die Frage stellen lassen, ob man sich dazu hinreißen lassen kann, sich das “gefallen lassen”
zu können. Aber es geht nicht, ich kann mir von einem Album doch nicht nur die Übergänge anhören. Oder geht jemand nur wegen der Halbzeitpause in ein Fußballspiel?
Der Titeltrack geht ja noch einigermaßen, wenn man mit der Einstellung ran geht: jetzt kommt was von Justin Timberlake oder so’n Zeug. Die Hinleitung des Vorgängertracks ist auch ok. Mal sehn, was könnte man noch positives rausfieseln….
Track 2, “Time”, geht manchmal auch. Track 5, “Ground Zero”, hat zumindest einen qualitativ bezogen ehrlichen Titel, enthält schließlich, dem großen Timbaland sei dank, die erwartungsgemäß auftauchenden “Äh-oh”s.
Der vorletzte Track “Climbing Up The Walls” ist relativ rockig ausgefallen und passt so eigentlich auch, würde zumindest im durchwachsenen Teil von “Carry On” nicht allzu sehr abfallen.
Höhepunkt des Albums ist der Hidden Track “Two Drink Minimum”. Ich denke nicht, dass er mit diesem Titel die Anzahl an alkoholischen Getränken gemeint hat, die man braucht, um das Album auszuhalten (außer er ist an vollkommen alkohol-inresistente Zeitgenossen adressiert). Auf jeden Fall ist das eine lässige, orgel- und harp-beladene Blues-Ballade mit schönen E-Gitarren-Licks. Wäre auf “Carry On” ein besserer Track gewesen, ehrlich! Warum dann hier Hidden Track? Ich schätze, der Song hat sich vor seinen Kollegas versteckt… man möchte als integrer Mensch ja auch nicht in jeder Gesellschaft gesehen werden. Ein Stern für das Album im Musikexpress … ich wage da nicht zu widersprechen.
Chris Cornell meinte in einem Interview, das nächste Werk könne ganz anders ausfallen. Vielleicht werde dies das rockigste Werk seiner Karriere. Ich kann darauf nur hoffen. Was von diesem Album bleiben sollte? Das Konzept der Trackübergänge. Sonst bitte !nichts! !!!!