Juni ’09: Pseudomedikament kämpft um die Sonne
6. Juni 2009 von Vrankey
Lange erwartet (siehe Neues Album von Placebo: “Battle For The Sun” oder Tracklist von Placebo – “Battle For The Sun”), nun ist es da: das neue Album von Placebo. Rockiger, positiver, bläserlastig – so ist das neue Werk angekündigt worden. Statements, die klassische Placebo-Fans erstmal mindestens skeptisch werden lassen. Das neue Label und die Band selber zeigten sich von “Battle For The Sun” dagegen mehr als begeistert, teilweise war vom Höhepunkt des Schaffens von Placebo die Rede. Man konnte also gespannt sein, wie das Ergebnis letztendlich ausfällt.
Legen wir die Scheibe mal in den Player und gehen die Songs einzeln durch. Der Opener Kitty Litter wirkt sehr rockig, e-gitarrenlastig und schwerfällig. Eingängig ist was anderes, irgendwie fehlt der Höhepunkt. Er baut aber Spannung auf – so sollte ein Opener sein. Ist solide, reisst mich aber jetzt auch nicht gerade vom Hocker.
Das folgende Ashtray Heart beginnt mit spanischen Hintergrundgesängen (irgendwie muss ich ein bißchen an den Mittelteil von “Ich Roque” der Sportfreunde Stiller denken
) und setzt die rockige Schiene des Openers fort, wenn auch weit eingängiger und mit leichten Synthies versehen. Der Track hätte auch gut auf den Vorgänger “Meds” gepasst und wäre dort mindestens im qualitativen Mittelfeld anzusiedeln. Könnte ich mir auch gut als Single vorstellen. Von der Stimmung her ist er klassisch Placebo, aber in der Tat ein bißchen “positiver”, ohne die Schwere älterer Tracks. Das kann man interpretieren wie man will – ich find’s keineswegs schlecht.
Danach kommt schon der Titeltrack Battle For The Sun, der ja schon seit Wochen bekannt ist. Wirkt in den Strophen sehr schwerfällig, die Wiederholungen (ungen, ungen, ungen
) sind erstmal gewöhnungsbedürftig, aber trotzdem eingängig. Zudem muss man dem neuen Drummer Steve Forrest Respekt zollen, der weitaus phantasievoller, abwechslungsreicher und detailverliebter arbeitet als seine Vorgänger. Der Refrain hat die Klasse von “Song To Say Goodbye”, ist opulent mit Streichern versehen. Insgesamt ist der Song in den letzten Wochen enorm gewachsen und wirkt im Kontext des Albums noch mal ein Stück besser.
Ähnliches gilt, wenn auch in etwas schwächerem Maße, für die Single For What It’s Worth, die als solche perfekt geeignet ist. Sie enthält sowohl klassisches Placebo – schwere Gitarren, leichte Synthies, Brian Molkos Art zu singen – als auch die typischen neue Elemente des Albums: Mini-Chöre, Bläser, bessere Drums, positivere Stimmung. Der Track ist dazu ein toller, wenn auch sehr simpler Ohrwurm. Der Song ist sehr einfach, wächst aber trotzdem mit der Zeit – Respekt.
Auch Devil In The Details ist so ein Kandidat zum Wachsen. Die Strophen wirken auf den ersten Eindruck etwas langweilig, der Refrain begeistert mich dann schon eher. Der Sound wirkt insgesamt eher träge und klingt eher “klassisch” nach Placebo, wirkt auch etwas schwermütiger als die Vorgängersongs.
Das nachfolgende Bright Lights benutzt ähnliche Elemente und reiht sich daher nahtlos ein, klingt aber trotzdem insgesamt völlig anders als der Vorgänger. Die Stimmung ist wieder positiver, wozu auch die Synthie-Melodie beiträgt, die für Placebo-Verhältnisse fast schon penetrant im Vordergrund steht. Die Hintergrundgesänge im Refrain klingen regelrecht entspannt, auch so was ist man von Placebo kaum gewöhnt. Passt alles perfekt zusammen – sehr schöner Track!
Speak In Tongues wurde von Brian Molko als dessen Favorit angekündigt. Und was soll ich anderes sagen als: er hat recht. Das ist der Höhepunkt des Albums. Der Song beginnt mit sehr dezenten E-Gitarren, Piano, subtil treibenden Bass- und Drum-Linien, bevor eine Distortion-Wand einsetzt. Die Melodie ist sehr eingängig, trotzdem kann man den Song keineswegs als simpel ansehen. Dazu trägt auch wieder das geniale Schlagzeugspiel bei. Schließlich tauchen auch wieder die entspannten Background-Gesänge auf (ist das Olsdal?), die das hymnische Outro einleiten, das mit subtilen Synthie-Spielereien und Vocals eines perfekt singenden Brian Molkos aufwartet. Wow, das könnte ein moderner Placebo-Klassiker sein!
Danach zieht The Never-Ending Why das Tempo wieder etwas an. Sehr direkt, rockig und melancholisch startend ergänzt sich das Bild bald wieder um prima platzierte Hintergrundgesänge und Bläser, an die ich mich längst nicht nur gewöhnt habe.
Nun kommt Julien, das doch etwas merkwürdig startet. Das klingt nach einem Beitrag der Pet Shop Boys, und zwar der übelsten Sorte. Aber der stumpfe Beat und die tiefen Synthies, die von ruhigem Gesang begleitet werden, stellen gottseidank zur das Intro dar, schon bald starten wieder E-Gitarren, die diesmal von Streichern begleitet werden. Klingt stark nach “Broken Promise” von “Meds”, etwas besser vielleicht – ist insgesamt solide bis gut, aber wird wohl kein Albumfavorit von mir, auch wenn das sich steigernde Outro mit den Chören Ansätze von Großartigkeit bietet. Hmm… vielleicht wächst der Song ja noch, das werden die nächsten Wochen zeigen.
Mit Happy You’re Gone beginnt scheinbar die erste “wirkliche” Ballade des Albums. Sie entpuppt sich dann aber doch als Semi-Ballade, da der Refrain wieder auf einer Distortion-Wand aufbaut. Das hätte man vielleicht der Abwechslung willen etwas dezenter machen können, trotzdem ist das ein insgesamt ganz guter Track.
Breathe Underwater ist der schnellste Track des Albums, klingt nach Punk früherer Placebo-Tage, wenn auch etwas dezenter. Gegen Mitte des Songs tauchen nostalgische Streicher-Synthies auf, wie sie Oasis in den letzten Jahren gerne verwenden, passt gut ins Bild. Ein sehr einfacher Track, wird wohl nicht mehr wachsen – muss er aber nicht, ist mir sofort sympathisch!
Kommen wir zum vorletzten Akt: Come Undone ist nicht, wie befürchtet, ein Robbie-Williams-Cover
, sondern eine semi-laute, e-gitarren-basierte Ballade in “Medium-Verzerrung”. Das ist Old-School-Placebo, der Track wäre auch vor “Meds” und eventuell auch vor “Sleeping With Ghosts” nicht aufgefallen.
Den Abschluss bildet Kings Of Medicine. Ein Hinweis auf den Opener “Meds” des gleichnamigen Vorgängeralbums? Jedenfalls startet dieses ebenfalls mit Akustikgitarre, was man bei Placebo ja nicht allzu oft hört. Es folgt ein intelligent und mit Liebe zum Detail arrangierter ruhiger Track. Tolle Drum-Fills und Synthie-Licks, hier und da ein subtiler, abgedämpfter E-Gitarren-Part, schließlich taucht eine Piano-Melodie auf, ab und zu Klatschen und Bläser im Hintergrund, stets getragen von der Akustikgitarre und Brian Molkos Gesang – da kann ich nur sagen: einfach genial. Der härteste Konkurrent von “Speak In Tongues” um den Titel des Albumhöhepunkts.
Fazit: ein Album mit durchaus einigen Neuerungen, die alteingesessenen Placebo-Fans nicht gefallen dürften. Viele Songs werden Zeit zum Wachsen brauchen, ich bin gespannt wie ich in ein paar Monaten über einige Songs denke. Die Qualität der von der Band vollbrachten Arbeit ist aber für mich jetzt schon unbestritten. Ich mochte ja schon “Meds” lieber als viele Placebo-Fans, aber hier wurde mit mehr Liebe zum Detail weitergemacht.
Zudem bringt der Drummer eine echte Qualitätssteigerung in Sachen Spieltechnik mit sich, und die Abwechslung im Sound ist mutig und phänomenal. Auch der teilweise vollzogene Paradigmenwechsel in der Stimmung trägt dazu bei.
Die Linie von “Meds” wurde konsequent progressiv weitergeführt; klar, dass das die “alten Fans” noch mehr vergraulen wird. Aber solange sie damit insgesamt Erfolg haben, sprich auch neue Fans gewinnen können, ist es mir ehrlich mehr als wert.
Ihren Klassiker “Without You I’m Nothing” werden sie für mich zwar auch nicht mehr toppen, aber das müssen sie auch nicht. Die Entwicklung der Band ist auch so spannend genug, und ich werde mich auch auf den nächsten Beitrag freuen.
Tags: Battle For The Sun
Nach über zwei Wochen würde ich sagen, dass sich “Kings Of Medicine” und “Speak In Tongues” tatsächlich als Höhepunkte bestätigt haben, sich aber der Track “Julien” qualitativ mindestens zu diesen gesellt. Im Moment ist “Julien” sogar mein Favorit.
“Bright Lights” würde ich direkt nach diesen drei Tracks einreihen – würde sich als Single anbieten!