Januar ’09: Tanz Ferdinand?
12. Februar 2009 von Vrankey
Mit etwas Verspätung, da als Prämie im Musikexpress-Abo bestellt, aber immerhin: das neue Album von Franz Ferdinand, namentlich “Tonight: Franz Ferdinand”, kann hier nun definitiv zur Neuerscheinung des Monats Januar 2009s gekürt werden.
Die schottische Combo hatte sich mit dem Nachfolger ihres Zweitwerks “You Could Have It So Much Better” aus dem Jahr 2005 ja ein bißchen Zeit gelassen, aber das Warten hat sich gelohnt. Es wird vermutlich erstmal wenig überraschen, dass elektronische Elemente als stilistische Neuerung zu finden sind, da sich derer im Moment eigentlich jede zweite Indie-Band bedient. Auch ist es nichts sonderlich neues, wenn Künstler mit vormals kompaktem Sound mit dem dritten Album versuchen ihr Klangspektrum künstlich aufzupeppen und in die Breite zu strecken. Beides endet in einer nicht unerheblichen Anzahl von Fällen in Entäuschungen bis Desastern. Trifft das auch auf die Gruppe um Frontman Alex Kapranos zu?
Der als Vorabsingle bereits bekannte Opener Ulysses klingt bis zu einem gewissen Punkt vertraut, bevor die Synthies dezent in eine neue Richtung weisen. Der Background von Strophe 2 klingt sogar ein bißchen nach den Chemical Brothers. Das hört sich dabei nicht allzu fremd an, ist aber sperriger als vorige Singles – gerade das Interlude, das einen in Ansätzen an die Doors erinnern lässt. Gefällt auf jeden Fall prima, aber man denkt sich: da geht noch mehr.
Die dann folgenden Tracks Turn It On und No You Girls sind Franz Ferdinand wie man sie kennt. Gerade letzterer: Tolle Riffs, Hammer-Ohrwurm – mit einem Refrain, der die Single-Auskopplung fast schon aufzwingt. Aber man fängt sich langsam an zu fragen, ob die Experimente aus dem Opener nicht weiterverfolgt werden?
Nach dem dezenteren, lässigen, teils afrikanisch inspirierten und dabei insgesamt überaus genialen(!) Send Him Away wird man mit dem Beginn von Twilight Omens wieder hellhörig. Der schwülstige Keyboard-Sound im Intro stößt einem erst sauer auf, bevor man erkennt, wie der Gegensatz zum brett-rockigen Refrain einen Sound liefert, der eine tolle Midtempo-Komposition als Gerüst trägt. Das klingt schon mutiger als die bisherigen Tracks, und man muß sagen: Experiment gelungen!
Bite Hard startet als sehr ruhiger Piano-Track, doch die Pause wärt nicht lange – nach nicht mal einer Minute werden wieder in klassischer Manier die Gitarren rausgeholt. Bei What She Came For merkt man Kaprano richtig die Lust an den Grooves des Albums an. Die Elektronik hält sich in dieser Phase des Albums wieder als subtileres Element etwas mehr im Hintergrund – bis Live Alone startet, ein Elektro-Track durch und durch. Bei aller Abwechslung fällt auf, dass das Niveau der Kompositionen nie wirklich abfällt – ein Album ohne Aussetzer bisher!
Wer bisher ein Problem mit den knarzenden, rotzigen Sounds aus dem Synthesizer hat, dürfte mit Can’t Stop Feeling einen harten Knackpunkt vorgesetzt bekommen. Fast schon penetrant und aufgesetzt klingt das Intro- und Basisthema und ist bestimmt nicht Jedermanns Sache. Hat man den Zugang gefunden, wirkt der Gegensatz zwischen diesem und dem cool-lässigen Refrain großartig – im Prinzip ein Gegenstück zu “Twilight Omens”.
Single-Käufer sind ja bereits teilweise in den Genuss von Lucid Dreams gekommen, das erstmal als Rückkehr zu Old-School-Ferdinand daherkommt. Ein schöner, risikofreier Track, denkt man sich – bis langsam aber sicher Elektronik Einzug erhält. Ein bißchen. Ein bißchen mehr. Hm, noch ein bißchen mehr. Ääääh… ja. Und schließlich blubbert es minutenlang vor sich hin. Huch, was soll das? Was machen die da? Was erlauben die sich? Fantastisch!! Das ist das Highlight des Albums, ein 7- bis 8-minütiges Stück wie selbstverständlich zusammenhänger Gegensätze auf höchstem Niveau.
Mit den ruhigeren Dream Again und Katherine Kiss Me wird einem schließlich ein erholsamer Abschluss kredenzt, der in der Qualität ebenfalls nicht abfällt und genau ins Bild passt.
Fazit: Franz Ferdinand haben es geschafft, sich weiterzuentwickeln, den Horizont zu erweitern, ohne abzuheben. Sie klingen reifer und frischer zugleich – dabei einerseits klassisch wie auf ihrem Debüt, andererseits teilweise völlig neu, ohne den Erkennungswert zu verlieren. Die rohe Ungeschliffenheit der Tracks könnte bei anderen Künstlern auch als “frecher Erstling” durchgehen. Neue elektronische Zutaten werden dabei nicht genutzt, um den Sound aufzublähen, zu überlagern und dabei abzuheben – sie werden als subtiles Experimentspielzeug verwendet, das im Vordergrund für unerwartete Momente sorgt. Die Sounds knarzen teilweise rotzig wie Gitarren, während neue kompositorische Elemente für gelassene und coole Momente sorgen und sich in ein abwechslungsreiches Gesamtbild einfügen.
Experimentierfreude kommt dabei ebenso wenig zu kurz wie kurze, kompakt gehaltene Ohrwürmer. Sicher war auf den beiden Vorgänger etwas mehr “Hitpotential” für’s Radio – aber wer will das bei so einem Album noch. Das sind die besten Franz Ferdinand, wie es sie bisher gab! Definitely recommended. Auch die Bonus-Remix-CD “Blood”.
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