Dezember ’09: Stereophonics – Keep Calm And Carry On
10. Dezember 2009 von Vrankey
Mangels Alternativen kann das neue Werk der Stereophonics, “Keep Calm And Carry On”, zum Album des Monats Dezember ’09 gekürt werden – ein Album, das, obwohl noch im November veröffentlicht, die meisten Fans hierzulande aufgrund einer merkwürdigen Verkaufspolitik wohl erst in diesem Monat in den Händen halten dürften.
Damit stellt “Keep Calm And Carry On” übrigens auch den letzten Beitrag in der Kategorie “Album des Monats” dar. Ab 2010 werden musikalische Neuerscheinungen in diesem Blog unabhängig von einem Zeitmuster rezensiert werden.
Ich muß sagen, dass ich auf das neue Album der Waliser um Kelly Jones äußerst gespannt war. Die beiden vorab durch Vorabveröffentlichungen bekannten Tracks, die “Keep Calm And Carry On” auch eröffnen, gaben auch allen Grund dazu.
Der per Download verfügbare Opener She’s Alright stampft mit Drummaschine und rohem Rock-Riff und bietet einen typischen Stereophonics-Ohrwurm-Refrain, ergänzt um atmosphärische Solo-Licks. Das Sound-Grundgerüst erinnert mich stark an “Start Again” oder “Pure Inebriation” vom The-Screens-Album “Second Hand Days”. Vielleicht ist der Refrain etwas zu simpel und hat einen zu hohen “Abnutzfaktor”, ansonsten ist der Track aber sehr solide!
Die Vorabsingle Innocent ist ein gutgelaunter, rockiger Britpop-Song, eine kleine Hymne, die jeder Fan britischen Radio-Pops sofort mögen muss. Er verbindet die Leichtigkeit von Pre-”Language. Sex. Violence. Other?”-Akustik-Songs mit der Frische und dem Drive nachfolgender Werke. Die Melodien und Harmonien sind schlichtweg genial und bieten Hitpotential. Ein angenehmer Ohrwurm, der einen gut durch den Tag begleitet!
Doch wie geht es nach den beiden bekannten Songs weiter? Was hat das neue Material zu bieten? Track 3, Beerbottle, wartet erstmal mit einer kleinen Überraschung auf. Elektro-Drums und eine pulsierende Orgel sind in dieser Konstellation neu in der Soundwelt der Stereophonics, einzig “Not Up To You” vom Debütalbum ist annähernd vergleichbar. Obwohl die Waliser damit Mut zu Neuem beweisen, ist der Song selbst rasch ermüdend und damit auf Dauer wenig begeisterungsfähig.
Das nachfolgende Trouble stellt als schneller Punksong hierzu das Kontrastprogramm dar. Der Refrain ist wieder schön einfach und einprägsam gehalten, grenzt jedoch etwas an Einfallslosigkeit. Leider sind auch die Gitarren unangemessen leise, was dem Song den Drive nimmt, den er wohl versprühen möchte. Somit kommt er leider nicht über das Prädikat “ganz nett” hinaus.
Could You Be The One? ist eine schöne Pop-Ballade mit einem äußerst radiotauglichen Refrain. Der Song ist gut für die Weihnachts- und Winterzeit geeignet und womöglich auch als Single vorgesehen, wenn man den Aufkleber auf der Hülle ernst nimmt. Gerade die mehrstimmigen Gesänge im Refrain erzeugen Stimmung. Unübersehbar ist der textliche Querverweis zu Sting (“Every little thing you do is magic”).
Letztlich muß man aber sagen: gerade solche sphärischen Balladen hatten die Stereophonics auf dem Vorgänger “Pull The Pin” noch besser drauf, der mit der Single “It Means Nothing” und vor allem “Daisy Lane” brillieren konnte.
Wieder rockiger wird es mit I Got Your Number, der das Bild des bisherigen Verlaufs von “Keep Calm And Carry On” verstärkt. Der Song ist solide, hat starken Ohrwurmcharakter und den rockigen Grundsound der Vorgängeralben, wirkt jedoch im Vergleich etwas farblos. Primär ist das wohl der Abmischung geschuldet: so steht der Gesang zu sehr im Vordergrund, während die Gitarren viel zu schwach rüberkommen.
Uppercut klingt fast wie von “Word Gets Around”, hat wieder einen sehr Stereophonics-typischen “Lalala”-Refrain – kann aber vollauf überzeugen und stellt ein Highlight dieses Albums dar. Eine richtig runde und schöne Komposition, bei der die Band auch Spaß an der Arbeit vermittelt. Der beste Track des Albums seit Track 2. Kritik üben kann man nur am instrumentalen Interlude, in welchem die Handclaps deutlich zu leise und die Lead-Gitarre zu laut ist. Es scheint leider ein essentieller Produktionsfehler dieses Albums zu sein, den Lead Part zu sehr in den Vordergrund zu mischen.
Auch Live ‘N’ Love leidet unter diesem Manko. An sich ein sehr schöner, groovender Midempo-Track mit diversen Elektro-Spielereien, die leider viel(!) zu sehr in den Hintergrund gemischt wurden. Auch eine Steigerung hätte diesem Song gut getan, stattdessen plätschert er gen Ende etwas vor sich hin – leider. Hier wurde Potential verspielt, an sich ist das nämlich ein prima Song!
Ein weiteres Highlight des Albums stellt definitiv 100MPH dar. Eine sehr simple Komposition, die vom Gegensatz zwischen subtilen Strophen und lautem Refrain lebt – auch wenn die Gitarren im Refrain deutlicher lauter hätten sein sollen, um diesen Effekt voll auszunutzen. Die Rhythmus-Gitarre in den Strophen ist aber phänomenal gut. Der Song hätte insgesamt sogar gut auf “Language. Sex. Violence. Other?” gepasst.
Wonder zieht das Tempo wieder an, die Gitarren bleiben aber relativ subtil. Seltsamerweise klingt der Gesang hier ebenfalls fast etwas “schwach”. Diese Konstellation ist ungewohnt, hat jedoch Wachstumspotential – zumindest entwickelt sich der Song bei mehrmaligem Hören etwas.
Stuck In A Rut wartet mit minimaler Instrumentierung auf: cleane, dünne E-Gitarre, Bass, Drums – in der Bridge ergänzt um eine Orgel, im Refrain wird der Gain der E-Gitarre aufgedreht. Im Interlude wird Piano ergänzt, später kommen noch Streicher dazu. Hier passt die Abmischung besser als bei vielen anderen Tracks, ist insgesamt ein netter Song.
Den Abschluss von “Keep Calm And Carry On” stellt Show Me How dar, eine Piano-Ballade, die an sich ebenfalls ganz gut ist – auch wenn es auf Dauer etwas einfallslos wirkt, auf dem Klavier nur die Achtel anzuschlagen. Gegen Ende steigert sich der Track noch unter Einsatz von E-Gitarre und orchestralen Elemente, um dann zum Ende des Werkes abzuebben. Ein schöner Ausklang, wenn auch nicht spektakulär.
Als Fazit bleibt zu ziehen: es gibt besseres, es gibt schlechteres von den Stereophonics. Müßte ich die Alben qualitativ anordnen, würde das folgendermaßen aussehen:
1 Language. Sex. Violence. Other? (2005)
2 Word Gets Around (1997)
3 Pull The Pin (2007)
4 Performance & Cocktails (1999)
5 Keep Calm And Carry On (2009)
6 You Gotta Go There To Come Back (2003)
7 Just Enough Education To Perform (2001)
Um etwas auszuholen: die absoluten Höhepunkte in der Diskographie der Stereophonics stellen für mich das Debüt “Word Gets Around” und, noch mehr, “Language. Sex. Violence. Other?” dar. Zwischen diesen beiden Alben plätscherten die Waliser zunehmend einfallsloser vor sich hin. Mit “You Gotta Go There To Come Back” konnten sie zumindest noch ein bißchen Potential abrufen, aber ein weiteres Album in diesem Stil wäre wohl ihr qualitativer Tod gewesen.
“Language. Sex. Violence. Other?” war dann ihr qualitativer Befreiungsschlag. Mehr als das, es war ihre Neuerfindung. Vor diesem Album war ich der Ansicht, ihre Stärke läge dauerhaft schlicht in sphärischen, ruhigen Momenten. Trotzdem kann ich mit ihrem Balladenalbum ” Just Enough Education To Perform” bis heute gar nichts anfangen. Aber ihre “Rocker” wie “Rooftop” und “Madame Helga” finde ich noch schlimmer. Irgendwie waren sie für mich somit in einer Sackgasse gelandet.
Erst mit “Language. Sex. Violence. Other?” lernten sie wieder, richtig schöne, rotzige Rocksongs zu machen. “Word Gets Around” hatte diese, von diesem Sound hatten sie sich aber mit jedem weiteren Werk ein Stück mehr entfremdet. “Language. Sex. Violence. Other?” war dann ein radikaler Neubeginn: die Stereophonics legten ein Album voll mit glasklaren Rocksongs vor, die allerdings weniger von breiten Gitarrenwänden lebten als die Tracks ihres Debüts, sondern auf den Punkt genau gespielt wurden. Die Gitarren hatten Punch, waren detailverliebt gespielt und die Arrangements ebenso hochwertig konstruiert. Die Kompositionen waren allesamt Höhepunkte. Vermutlich wird ihr fünftes Albums somit auf unabsehbare Zeit ihr bestes bleiben.
Der Nachfolger “Pull The Pin” war dann eine stilistisch verbreiterte Variante von “Language. Sex. Violence. Other?”, mit ein paar etwas schwächeren Songs – aber immer noch stark genug, um ganz klar Platz 3 des Albumrankings zu belegen. “Daisy Lane”, “Crush” und “It Means Nothing”, aber auch die Ballade “Bright Red Star” sind Höhepunkte. Das Album schielte wieder ein bißchen in die Vergangenheit, um alle Qualitäten der Band zu bündeln. Dabei entfernten sie sich aber ein bißchen von dem, was sie – das Vorgängeralbum hatte es gezeigt – perfekt können.
Um den Kreis zu schließen: “Keep Calm And Carry On” führt den Weg von “Pull The Pin”, um ein vielfaches multipliziert, fort – und setzt sich dabei zwischen alle Stühle. Man kann nicht so rocken wie auf “Language. Sex. Violence. Other?” und genau zeitgleich so poppig und Vocals-orientiert rüberkommen wie auf manchen Vorgängerwerken. Erst recht nicht, indem man einfach nur die Leadstimmen so penetrant in den Vordergrund mischt. “Keep Calm And Carry On”? Ist das, auf den Albumstil gemünzt, wörtlich gemeint: bitte nicht!
Trotzdem hat das Album einige gute Momente. Stereophonics-Fans werden sich freuen, denn ich tue das auch – für das Album dieses schwachen Monats reicht es daher ohne Probleme. Aber ein Höhepunkt der Bandhistorie ist das Album definitiv NICHT. Die Band um Kelly Jones wirkt müde, auch im Songwriting – ein Befreiungsschlag wie vor 4 Jahren täte gut.
Tags: Keep Calm And Carry On, Kelly Jones, Stereophonics
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