Dean Fertita’s Solo-Debütalbum Hello=Fire
14. November 2009 von Vrankey
Am 30. Oktober erschien hierzulande das gleichnamige Debütalbum von “Hello=Fire”, dem Soloprojekt des Multi-Instrumentalisten Dean Fertita. Der 39-jährige US-Amerikaner ist vorwiegend als Gitarrist und Keyboarder bei Queens Of The Stone Age und The Dead Weather bekannt, spielte jedoch auch schon auf dem zweiten Album von The Raconteurs. Zuvor war er Frontman von The Waxwings und spielte schon für Brenda Benson, der ihm auf “Hello=Fire” – neben Troy Van Leeuwen, Joey Castillo und Michael Shuman von Queens Of The Stone Age – teilweise zur Seite steht und ihn unterstützt.
Nachfolgend kann man in kurze Clips der einzelnen Tracks auf “Hello=Fire” hineinhören:
Zum Sound des Albums ist zu sagen, dass Fertita hier eine Kombination verschiedener Rockstile von beeindruckender Qualität gelungen ist. Er bewegt sich zwischen den Welten der Projekte, an denen er bisher beteiligt war, und pickt sich das beste heraus, ohne Stückwerk entstehen zu lassen. Schräg-düstere Hard-Rock-Elemente im Stile von Queens Of The Stone Age sind genauso zu finden wie dezenter Britpop-Rock, Anflüge von Grunge harmonieren mit Garage-Rock der späten 60er.
Sein Gesang klingt angenehm und läßt Anleihen von Jack White, Caesars und JET erkennen, klingt aber sehr eigenständig. Die Keyboard-Klangteppiche sind meist sehr dezent platziert, brechen aber teilweise im Stile von Caesars-Stücken durch, ohne sich penetrant in den Vordergrund zu schieben. Teilweise fühlt man sich auch an Pink Floyd-Werke der späten 60er Jahre erinnert.
Zu den Stücken im einzelnen:
Im Opener Certain Circles kombiniert Dean Fertita dezent Caesars-Orgeln mit QOTSA-Riffs und Britpop-Gesang. Das Ganze ist im schnelleren Midtempo gehalten und liefert einen dezent-fröhlichen Ohrwurm. Subtil platziert sind auch die Drum-Experimente in der Bridge. Das Stück begeistert sofort und ist ein gelungener Einstieg in das Album!
Auf Far From It ist erstmals Piano zu hören. Die Strophen sind unter Keyboardeinsatz sehr spartanisch gehalten, steigern sich aber jeweils zum Refrain hin. Im Prinzip ist das ein teilweise ruhigerer Zwillingsbruder des Openers, im Refrain muß ich an Heavy Stereo denken. Sehr schöner Track, der auch dezent und angenehm im Ohr bleibt.
Bei She Gets Remote dreht Fertita ein bißchen mehr auf. Das Intro-Riff klingt stark nach QOTSA, aber mit wesentlich positiverer Grundstimmung und deutlich melodischer. Während in den Strophen meist nur Drums und Bass zu hören sind, brettert der Refrain los und bietet den ersten klassischen “Mitsing-Refrain” simpler Art, klingt fast nach den frühen Beatles. Später hört man ein Orgelsolo, der das äußerst single-taugliche Stück super abrundet.
Mirror Each Other beginnt etwas psychedelischer, zieht das Tempo an und bietet instrumental fast schon leichteren Motörhead-Rock. Die Stimme von Fertita bleibt aber relativ ruhig, er läßt sich nie zum Schreien verleiten. Sehr schön auch das Wah-Gitarrensolo.
Der Track #5 Nature Of Our Minds, der auch bereits im August als Vorab-Single erschien, ist eine Britpop-Ballade vom Feinsten. Heavy Stereo, JET und Jack White kann man hier wohl sofort als Referenz nennen. Dezente Orgelsounds begleiten ruhige Akustik-Gitarren-Akkorde, ein paar Spielereien im Hintergrund erinnern mich etwas an Liam Gallaghers Meisterwerk “I’m Outta Time”. Im Refrain meint man fast The Raconteurs zu hören, die hall-lastigen Backing Vocals gen Ende sind für die Stimmung unglaublich perfekt platziert. Zurecht eine Single, ein großartiger Song – man fragt sich nur , warum er nicht mehr Aufmerksamkeit erhalten hat.
She’s Mine In Sorrow ist wieder deutlich schneller und rockt leicht und dezent, während ein Anflug von Psychedelica einer prinzipiell erstmal positiven und entspannten Stimmung Würze gibt. Plötzlich nimmt Fertita die Gitarre raus und läßt sehr dezente Piano-, Bass- und Percussion-Schnipsel wirken, bevor das Solo losbrettert. Der Mann ist wirklich ein Genie, was Arrangements angeht. Und über allem trohnt sein angenehmer Gesang, der, scheinbar ohne große Anstrengung Fertitas, nie langweilig wird.
Der nachfolgende Song Faint Notion klingt im Prinzip wieder wie ein simpler Klon des bekannten Schemas im schnelleren Midtempo. Die Gitarren dominieren, zwischendurch bricht eine Orgel durch – und immer an den richtigen Momenten, so dass auch dieser Track das Muster nicht abnutzt.
Dann kommt Someplace Spacious, der erstmal etwas anders als die anderen Tracks klingt. Die Drums und Riffs sind hier etwas treibender. Auch Fertita selbst hebt hier etwas die Stimme an und benutzt andere Keyboard-Sounds. Das Interlude, in dem der Gesang zeitweise nur von einem simplen Beat und Wahwah-Geblubber begleitet wird, hat fast schon etwas disco-artiges. Gen Ende entwickeln sich die Harmonien nochmal unerwartet prächtig, so dass der Song nach 3:13 Minuten fast zu früh endet.
Mit einer Dauer von 2:02 Minuten ist Looking Daggers der kürzeste Track des Albums – aber er hat es wirklich in sich! Von spanischer Folklore inspirierte Percussion, Akustikgitarren, Piano und eine dezente, cleane E-Gitarre starten eine wirklich tolle Komposition. Mit großartig platzierten Effekten schafft es Fertita, den Song auf eine subtile, aber doch beeindruckende Art und Weise zu steigern. Die E-Gitarren-Licks sind wirklich perfekt platziert. Auch dieser Song endet zu früh, den könnte man ewig auf Repeat hören!
Habe ich Caesars schon als Referenz erwähnt?
Wenn nicht, müßte ich das spätestens bei I Wanna Like You nachholen. Der Halleffekt auf dem Gesang, die Orgel und die leicht rotzenden Gitarren machen aus dem Track den besten Caesars-Track, den die Caesars nie geschrieben haben. Vor allem ist der Ohrwurm zwar simpel, aber gewohnt subtil, nutzt sich also nicht so leicht ab wie Caesars-Songs – wirklich toll geworden!
They Wear Lightning ist wieder etwas schneller und rockiger und arbeitet erstmals mit wirklichen Synthies. Wieder ist eine minimal psychedelische Grundstimmung herauszuhören, die sich zu verdichten scheint, als zwei Gitarren im Duett die düstere Grund-Melodie spielen, bis Gesangsparts wieder für Entspannung sorgen. Schließlich brettert aber doch ein schönes Gitarrensolo los, bevor sich die Stimmung wieder beruhigt – um im Outro mit Orgelsoli, treibenden Drums und Gitarrenlicks richtig loszulegen. Am Ende “schreit” Fertita fast schon für seine Verhältnisse.
Dean Fertita hatte beim vorletzten Track wohl so viel Gefallen an Synthies gefunden, dass er beim Closer Parallel glatt nochmal welche einsetzt.
Dieser Song ist wieder etwas anders, bietet ruhiges Midtempo mit trotzdem treibenden Drums und mehrstimmigem Gesang fast schon im Stile von The Vines. Die Gitarren setzen hier ungewöhnlich spät ein – wann genau kann man eigentlich gar nicht sagen, so detailverliebt wie die Steigerungen und Übergänge hier gestaltet sind. Der Refrain rockt dann richtig schön los, später entfalten sich dann auch die Harmonien nochmal so richtig, bevor sich alles beruhigt und Fertita wieder das tolle Synthie-Thema wirken lässt – und bevor er zum großen Finale bläst. Das verschwurbelte Outro klingt sogar stark nach späteren Beatles-Werken – um ein wirklich GROSSES Album mit einem Gitarrenrekkord im Stile des A-Hard-Days-Night-Intros ausklingen zu lassen.
Kurz und knapp: dieses Album weiß wirklich zu begeistern. Einzelne Tracks hervorzuheben ist wirklich schwer. Das Ganze ist wie aus einem Guss, und das ist bei der Fülle an verschiedenen Einflüssen aus dem Bereich des Rock, die doch irgendwie zusammengehören zu scheinen, wirklich bemerkenswert. Gerade die subtilen, detailverliebte Ausarbeitungen, die versteckten Experimente, welche die Einfachheit und Unbeschwertheit der Songs nie stören, sondern zum genaueren Hinhören ermuntern, sind grandios und ein Beleg für das Genie Fertitas. Schrieb ich Unbeschwertheit? Psychedelische Untertöne sind in der Stimmung der Tracks bei präzisem Reinhören doch zu erkennen – perfekt platziert zum Genießen, ohne die Songs letztlich düster klingen zu lassen.
Da muß man wirklich auf weitere Werke von Hello=Fire in ähnlicher Qualität hoffen. Und bis dahin ist Dean Fertita eine Bereicherung für jede Band, an der er mitwirkt (übrigens arbeitet er mit Jack White und den anderen Dead Weathers angeblich bereits an einem Follow-Up zu Horehound – bin gespannt!).
Tags: Caesars, Dean Fertita, Fertita, Hello=Fire